von Anna Niemeyer und Corinna Falge – 

Sie sind angekommen im Berufsleben, die GenYs, geboren seit 1980 sind die ältesten mit 35 Jahren im besten Karrierealter und die jüngsten bereiten sich mit ihren 17 Jahren gerade auf die ersten Schritte im Berufsleben vor. Seit Jahren diskutieren Fachleute aus den verschiedensten Bereichen die Auswirkungen, die dieser Generationenwechsel auf das

Gesundheitswesen haben wird. Dabei ist er schon längst da und Verbände, Politik und Unternehmen versuchen händeringend, die entstehenden Lücken in der Versorgung entweder zu dramatisieren, zu füllen oder aber weg zu diskutieren.

Einigkeit herrscht in der öffentlichen Diskussion allerdings ebenso wenig, wie
bei der allgemeinen Interessenlage der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen. Doch wird der Arztberuf bei Medizinstudierenden und jungen Ärzten seit Jahren unattraktiver. Im Vordergrund der Kritik stehen nach wie vor die Arbeitsbedingungen, aber auch mangelnde  Teamarbeit sowie die fehlenden Vereinbarkeit von Arbeit und Familie.

Generationen- und Geschlechterwechsel in der Medizin
Der Anteil der unter 35-jährigen berufstätigen Ärzte ist in den letzten 15 Jahren um 36 % gefallen. Während der Anteil an Frauen bei den Erstsemestern noch 62 % beträgt, hat dieser Feminisierungstrend die Führungsetage noch nicht erreicht: Von den leitenden Klinikärzten sind derzeit nur 15% Frauen, Professorinnen gar nur 12%. Wo versiegt die Welle der Weiblichkeit? Und warum? Das gilt es zu
ergründen, denn auf das Wissen der weiblichen Kompetenzträger kann nicht
verzichtet werden.

Nicht nur die Wünsche der Ärztinnen bedeuten für die Kliniken Kostensteigerungen durch Schaffung, denn auch die männlichen GenYs wollen gerne so viel Zeit wie möglich mit ihrer Familie verbringen. Damit ist ihr
Wunschzettel aber noch nicht zu Ende, denn dem GenY eilt der Ruf  des Anspruchsdenkens voraus. Versuchen wir eine Übersicht:

Die jungen Kollegen zeichnen sich aus durch

Nicht nur die traditionelle  hierarchische Ordnung  der Krankenhäuser,
steht im krassen Gegensatz zu den Erwartungen der jungen Ärztinnen  und Ärzte. Auch Ausbildungskonzepte müssen neu überdacht werden.

Boomender Markt mit Unterbesetzung
Kaum einem anderem Markt werden in Deutschland so vertrauenserweckende
Wachstumsraten
vorhergesagt wie der Gesundheitswirtschaft. Auch die Digitalisierung trägt erheblich dazu bei. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wird sich dieser Sektor – vorausgesetzt, die Vorhersagen stimmen – in den nächsten Jahren zu einem Wirtschaftszweig mit großem Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften entwickeln. Das begrenzte und zudem alternde Arbeitskräfteangebot in der Gesundheitsbranche und die deutlich steigende Nachfrage führen laut einer Prognose des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales  (2013) zu einem Personaldefizit von etwa 18,6% im Jahr 2030.

Diese Unterdeckung wird alle medizinischen Bereiche betreffen und sich in den chirurgischen Fächern und in der Allgemeinmedizin am stärksten zeigen. So
streben nur  5 % der Examenskandidaten eine Facharztausbildung in der Chirurgie
an, während eine Rate von 10 – 12% erforderlich wäre, um die Versorgung auf dem aktuellen Niveau aufrecht zu erhalten. Die Zahlen für die Allgemeinmedizin und daher der zukünftigen hausärztlichen Versorgung sehen ähnlich aus.

Wettbewerb nach Wunschzettel
Um im Wettbewerb um qualifiziertes Personal bestehen zu können, müssen sich Unternehmen als attraktive Arbeitgeber und Kommunen als begehrenswerte Lebensorte profilieren, die interessante Arbeitsplätze mit Entwicklungspotenzial und entsprechender „work-life-balance“ bieten. Denn die GenYs sind nicht nur gut ausgebildet und technologieaffin, sie arbeiten lieber im Team als in Hierarchien und sie wollen früh ihr Können unter Beweis stellen. Und vor allen Dingen fordern sie ganz offen das, wovon vorangehende Mediziner-Generationen nur träumen durften: eine planbare und strukturierte ärztliche Aus- und Weiterbildung. Eine professionelle Personalentwicklung wird deshalb zu einem entscheidenden Erfolgskriterium der Klinik werden.

Nichts geht mehr – Im Klinikalltag ist kein Raum für Weiterbildung
Tatsächlich diktieren aber immer noch der hohe ökonomische Druck und die Arbeitsverdichtung durch eine viel zu dünne Personaldecke den klinischen Alltag und lassen die Weiterbildung als zusätzliche Belastung für alle Beteiligten scheinen. So wird gerade die unreflektierte Integration der Weiterbildung in das „Alltagsgeschäft“ zur Quelle der Verschwendung:

In vielen Kliniken binden nach wie vor ausgedehnte Chefarzt- und Intensivstationsvisiten ebenso wie die morgendliche Früh- oder nachmittägliche Indikationsbesprechung qualifiziertes Personal. Gerechtfertigt durch die Argumente der Informationsweitergabe oder Ausbildung verbringt bei vorsichtiger Hochrechnung jeder chirurgische Weiterbildungsassistent mindestens 5 Stunden/Woche in diesen Pflichtterminen.
Der Mehrwert dieser Veranstaltungen insbesondere für den Wissenszuwachs beim auszubildenden Arzt ist jedoch in Frage zu stellen. Das Examinieren des jungen Kollegen vor Kollegen und gar Patienten mag eine kulturbildende Funktion erfüllen, eine Vertiefung seines medizinischen Verständnisses ist dabei nur begrenzt zu erwarten. Gefragt wären z.B. selektive, am Ausbildungsstand des
Kollegen orientierte visitenvor- und nachbereitende Gespräche, Journal-Clubs
und andere Initiativen zur gezielten Förderung. Doch das lasse die Zeit nicht
zu, so die wiederholte Meinung aus den Klinikleitungen. Die Zufriedenheit der Ärzte mit ihrer Weiterbildung lässt folgerichtig zu wünschen übrig.

Qualifizierte Weiterbildung und Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung sind für die nachwachsende Generation von enormer Bedeutung und mit ausschlaggebend für die Wahl des Arbeitgebers. Der Verlust von wertvollen Mitarbeitern an andere Kliniken lässt sich oft einfach begründen: Wie die Befragung des Marburger Bundes aus dem vergangenen Jahr zeigt, hält nur die Hälfte der jungen Ärztinnen und Ärzte ihren Weiterbilder für kompetent. Möglicherweise hätte dieser sogar die Fähigkeit, den jungen Kollegen optimal zu fördern, aber die Notwendigkeit nicht erkannt. Den neuen Mitarbeiter ins kalte Wasser zu werfen und ein „learning on the job“ funktioniert bei dieser Generation nicht. Wer trotzig bei der alten Haltung bleibt, wird mit medizinischer Performanz bezahlen.

Auch unflexible Arbeitszeitgesetze ließen vor allem in der Chirurgie keinen Raum für die operative Weiterbildung durch „Training on the Job“, gerade im OP, so eine häufige Entschuldigung. Tatsächlich bleibt in mit schlecht koordinierten
Prozessen und enormem Dokumentationsaufwand überfrachteten Kliniken keine Zeit mehr für eine gute Ausbildung in der Kernarbeitszeit. Genau hier liegt die Chance: Organisatorische Intelligenz ist gefragt!

Die Ausbildung der Allgemeinmediziner hingegen ist vorwiegend klinisch anstatt ambulant und viel zu wenig auf das spätere Tätigkeitsfeld ausgerichtet. Die Vorstellungen der jungen Ärzte weichen daher stark von der  späteren Arbeitsrealität ab, eine gute Ausbildung sollte aber genau auf diese vorbereiten. Folgerichtig führen erste Einsätze in der Peripherie dann zur Rückwärtsbewegung in die Klinik. Die schlechte Presse über den notleidenden Landarzt, um auch dem letzten Bürger von der Notwendigkeit der Lobbyarbeit zu überzeugen, hat das Image des Berufsbildes zusätzlich geprägt. Nun zielen erste Projekte darauf ab, Studierenden wieder mehr Lust auf „Landarzt“ zu machen.

Unliebsame  Forderung oder notwendige Anforderung?
Sind denn die gestellten Forderungen, die einer „verwöhnten“ Jugend an die Gesellschaft, oder schafft die neue Generation einen längst notwendigen Paradigmenwechsel in der Medizin? Nehmen wir z.B. den Wunsch nach „Arbeiten im Team“: Es ist weit mehr als eine Luxusforderung. Eine unlängst veröffentlichte Studie der Charité zeigt, dass Teams von Studierenden für die Diagnosestellung bei Aufnahme zwar etwas länger brauchen, dafür hinsichtlich der Qualität des Ergebnisses und der dafür eingesetzten Mittel Einzelstudenten überlegen sind.
Auch die Forderung nach mehr Exzellenz in der Ausbildung ist keine „Bequemlichkeit“, denn sie verbessert für alle medizinischen Fächer nicht nur die Patientenversorgung, sondern sorgt auch durch rationelleren Einsatz von Ressourcen und gezieltere Anforderung und Durchführung medizinischer Maßnahmen für eine Professionalisierung.  Neben Einsparungen von Prozesskosten wird es zu einer gleichzeitigen Verbesserung der Ergebnisse kommen. Wenn zusätzlich die Rahmenbedingungen eines modernen Arbeitsplatzes im Krankenhaus oder auf dem Land gegeben sind, wird dies die Vorteile nachhaltig stabilisieren.

Ansätze, diese Ziele durch Reformen in der Weiterbildung zu erreichen, gibt es bereits, auch und besonders in der Chirurgie. Hier ist z.B. die Arbeit des Berufsverbandes der deutschen Chirurgen als Innovator
hervorzugeben.

Die größte Herausforderung wartet allerdings noch: Die Ansätze müssen in der Breite in ihrem Sinn verstanden, finanziert und mit Elan umgesetzt werden.

Fazit
Um Medizinstudierende für den Verbleib in der Patientenversorgung und eine Fachrichtung zu begeistern, ist eine neue Ausbildungs- und Führungskultur erforderlich. Sie muss auch Frauen in der Medizin eine lohnende Perspektive bieten und eine effiziente, „atmende“ Arbeits- und Weiterbildungsgestaltung ambulant wie stationär ermöglichen.

Vor allem in den operierenden Fächern ist hier nicht nur ein Umdenken der Klinikführung, sondern ein Paradigmenwechsel in den immer noch stark hierarchisch aufgebauten Abteilungen notwendig.  Gelingt dies, können Kliniken nicht nur eigenes Personal entwickeln und halten, sondern auch die Leistungsfähigkeit und die Qualität des Unternehmens Krankenhaus stärken: Im Kern geht es darum, durch Professionalisierung die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Für den ambulanten Bereich könnten die bestehenden und befürchteten Versorgungslücken wirksam verhindert, vielleicht sogar abgebaut werden.

Familienfreundliche Strukturen, Entschlackung und Optimierung von Prozessen, Professionalisierung der Ausbildung und ein stärkerer Fokus auf Teamarbeit mit flacheren Hierarchien: Was klingt wie der Wunschzettel einer verwöhnten, sich selbst überschätzenden Generation ist vielmehr der längst überfällige Schritt in eine moderne patienten- und qualitätsorientierte Medizin, die respektvoll und achtsam mit ihrer wertvollsten Ressource umgeht: dem Menschen.

GenY goes Healthcare – wie sich der Generationenwechsel auf das Gesundheitssystem auswirkt
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